"Roman von Helga Schmitt-Federkeil - Philosophischer Exkurs in die Welt des Alltäglichen"
„Lila Kuh mit Ringelsöckchen“
Chancen und Möglichkeiten der Museen als außerschulische Lernorte – Teil 1
Wir werden in regelmäßigen Abständen das Thema „Museen als Bildungsort“ mit Artikeln beleuchten. Den Anfang macht ein Aufsatz von Dr. phil. Gisela Weiß, geboren 1963, Historikerin am Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster. Mit freundlicher Genehmigung des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen.
„Ein Museum ist eine gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung, im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien- und Bildungszwecken, zu Freude, Spaß und Genuss materielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.“ Warum ins Museum? Das ist keine rhetorische Frage. Sie ist ernst zu nehmen und zu allen Zeiten berechtigt, gerade auch in der heutigen Zeit, in der die totale Medialisierung das Arbeitsfeld Museum mit seinen originalen und vor allem statischen Objekten in Frage stellt. Nur weil eine Institution schon lange existiert – im Falle der Museen darf man hinzufügen: mit Erfolg existiert –, hat sie noch kein verbrieftes Recht, immer die gleiche Funktion in der Gesellschaft zu beanspruchen. Doch lassen sich lange Traditionen und Erfahrungen auch nicht einfach vom Tisch wischen, und eine solche Tradition als ausgewiesene Bildungsinstitution darf man dem Museum bescheinigen. Mehr noch, sie gehört zum Wesen, ist der Kern des Museumsgedankens.
Wenn es um die Anfänge von Museumspädagogik und die Zusammenarbeit zwischen Schule und Museum geht, wird immer wieder gern Alfred Lichtwark angeführt: seinerzeit Lehrer, dann Leiter der Hamburger Kunsthalle und einflussreicher Sprecher der Kunsterzieherbewegung, der auf der ersten Museumstagung in Deutschland (1903 in Mannheim) sein Einleitungsreferat programmatisch und wegweisend mit „Museen als Bildungsstätten“ betitelte. Nach Lichtwark hatte das 19. Jahrhundert den Universitäten, die auf das Mittelalter zurückgehen, und den Akademien, die im Zeitalter des Absolutismus entstanden, Museen als „neue Bildungsstätten höherer Ordnung“ hinzugefügt. Alle drei trügen die Züge des Zeitalters, das sie geschaffen habe: „Die Museen, die dem ganzen Volke offen stehen, die allen zu Dienste sind und keinen Unterschied kennen, sind ein Ausdruck demokratischen Geistes.“ Museen sind in jedem Fall ein Ausdruck modernen bürgerlichen Geistes. Parallel zur Herauslösung des Bürgertums aus der ständischen Gesellschaftsordnung begann die Ausbreitung des Museumswesens. Sammlungsbemühungen gab es schon lange, aber erst seit dem Zeitalter der Aufklärung stieg die Zahl der Museen deutlich an. Am Ende des 18. Jahrhunderts existierten in Europa etwas mehr als hundert Museen, 1914 – am Ende des „langen 19. Jahrhunderts“ – waren es bereits mehrere tausend.
Doch nicht nur die Ausbreitung, vor allem die Zielset-zung macht das Museum zum Charakteristikum des bürgerlichen 19. Jahrhunderts. Denn das Museum im modernen Sinne kennzeichnet sich sowohl durch seinen Anspruch, für jedermann zugänglich zu sein, als auch durch den Schutz, den es den gesammelten und konservierten Objekten dauerhaft zu garantieren sucht. Daraus folgt zweierlei: Es dient der Öffentlichkeit, und – zweitens – es ist Mittler zwischen Vergangenheit und Zukunft. Es sammelt Vergangenes, um es für die Zukunft aufzubewahren und in der Gegenwart Orientierungsmöglichkeiten zu bieten. Damit kommt dem Museum per se eine identitätsstiftende Funktion zu – und eine pädagogische, die Bildung und Vermittlung in den Mittelpunkt stellt.
Bereits 1830 hieß es in der Museumsdefinition der Allgemeinen deutschen Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände: Zur „Ansicht der Kenner“, zum „Genusse der Kunstfreunde“, zur „Befriedigung der Neugierigen“ und zur „Belehrung von Schülern und Meistern“ werden Museumssammlungen zusammengetragen und gezeigt – das erinnert sehr an die aktuelle, anfangs zitierte Museumsdefinition des ICOM (International Council of Museums) von 2003, die alle Museumsarbeit dem Zweck des Studiums, der Bildung und Unterhaltung unterwirft – oder besser übersetzt: zu Studien- und Bildungszwecken, zu Freude, Spaß und Genuss.
Redaktion: Gisela Weiß/LLL